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Documenta 14 Athen/Kassel

Gedanken zur Halbzeit

©Jutta de Vries

Dieses Jahr 2017 ist ein regelrechtes Kunstjahr.

Neben den vielen deutschlandweiten Ausstellungen zum Lutherjahr treffen die drei großen Welt-Kunstausstellungen zeitgleich aufeinander, das passiert nur alle 10 Jahre.

Kunstfreaks haben also richtig viel zu tun, da bleibt kein Relaxen am Strand oder in den Bergen!

Den Beginn machte die Documenta in ihrer 14. Ausgabe schon im April in Athen, dem „Umweg“, den der künstlerische Leiter Adam Sczymszyk ihr verordnet hat, um dann am 10. Juni in Kassel an ihrem Heimatort anzukommen, dies soll ja auch heute unser Thema sein.

Aber zwischendurch hat noch die Biennale in Venedig ihre Tore geöffnet und zeitgleich mit Kassel auch die wundersamen Skulpturprojekte Münster, die ein großartiges Panorama im Außenbereich der Stadt bieten und eigentlich immer noch ein Geheimtipp sind. Hier findet richtig Kunst statt, die man sich im Sinn antiker Vorstellungen in Bewegung, also von Ort zu Ort gehend, erschließen soll.

Die Idee des Schreitens und Diskutierens mit einer Gruppe interessierter Menschen ist auch Thema der Kunstsoziologen Burckhardt gewesen, die in den 90er Jahren an der Kasseler Universität die antike Lernmethode der Philosophen wieder aufgriffen. Und nun hat Adam Sczymszyk von Burckhardt und Athen gelernt, er bietet einen großen Chor von Vermittlerinnen und Vermittlern auf, die mit den Documenta-Besuchern sogenannte Spaziergänge unternehmen, um mit Ihnen über die gezeigten Kunstwerke zu sprechen, nachzudenken, zu diskutieren. Der antike Chor, wir erinnern uns, war ja die Stimme der Wissenden, die das Ereignis auf der Bühne kommentierte und Reflexionen anstellte über den Sinn des Lebens, das Verhalten der Menschen und Götter. Eine anspruchsvolle Aufgabe, der wohl nur wenige der meist sehr jungen ChoristInnen gewachsen sind. Das Vermittlungsthema ist ja immer schon eine schwierige Sache in Kassel gewesen – der Anspruch konnte bisher nie eingelöst werden. Im übrigen ist die Idee, Kunst im Gespräch zu vermitteln, nicht neu, weil gelernt von Platon, Sokrates und Co., wir Pofi-Vermittler praktizieren das schon lange.

So, und nun versuche ich mal, mit Ihnen durch den Dschungel des Raum-Zeit-Kontinuums spazieren zu gehen. 163 Tage dauert die D 14, Arnold Bode, der Gründer 1955, sprach immer vom Museum der 100 Tage, die es auch bisher in Kassel waren. Der Umweg über Athen, der 63 Tage im Alleingang + 27 Tage parallel zu Kassel, also auch 100 Tage, dauert, hat den Kasselern Kopfschmerzen bereitet, das Alleinstellungsmerkmal schien zu schwinden. Daß der Weg das Ziel war, bejubeln die Macher, sie meinen, von Athen gelernt zu haben und um viele Erfahrungen reicher in Kassel anzukommen. Was haben sie denn, was haben wir gelernt? Sczymczyk hüllt sich in Schweigen. Vielleicht meint er mit seiner Forderung, alles bisher Gelernte vergessen zu sollen, um wieder ganz neu und anders anzufangen, die „Ent-Bildungs“-These Meister Eckhards, des mittelalterlichen Dominikaner-Mönchs. Für den Mystiker sind Bildung und „Ent-Bildung“ dialektische Potenziale zur Selbstfindung und Erkenntnis. Alles vergessen, ganz leer werden, neu anfangen – auch Thesen fernöstlicher Weisheit. Fragt sich nur, womit wir uns neu bilden sollen. Vielleicht erkennen wir das bei unserer Documenta-Exkursion im August. Ich bin gespannt.

Für mich nach vielen Tagen intensiven Betrachtens stellt sich diese Documenta 14 polit-populistisch dar. Sie legt den Finger in jede zeitgenössische Weltwunde, Flüchtlingsgruppen in Athen haben gemeint, sie würden von der Kunst instrumentalisiert. Dabei habe ich den Eindruck, die Kunst wird instrumentalisiert, um die brennenden Themen der Zeit – und die sind brennend, keine Frage – den Menschen emotional nahe zu bringen und vor allem dem weißen Europa, den alten Kolonialmächten, ein mega-schlechtes Gewissen einzureden.

Ob man damit mehr erreicht als mit normalen Nachrichten? Und was macht das mit der Kunst? Ist sie dann noch Kunst oder schon Mittel zum Zweck der Instruktion, Indoktrination, Medialität oder, schlimmer, der Agitation? Noch gar nicht so lange her in Deutschland, in totalitären Ländern der Welt hat sie Alleinstellungsmerkmale.

In seiner 1988 erschienenen kritischen Studie über die Gebrüder Grimm und ihren historischen Kontext hat der Literaturwissenschaftler Jack Zipes angemerkt, als er auf Grimms „Deutschtum“ zu sprechen kam, daß die Deutschen „seit dem 19. Jh und vielleicht auch heute noch“ wohl eine Neigung haben, „Lösungen für soziale Konflikte im Bereich der Kunst zu suchen, also in subjektiv hergestellter Wirklichkeit, anstatt den Machthabern öffentlich entgegenzutreten“.

Wenn diese Neigung auch heute noch besteht, wie Zipes sagt, könnte auch der inzwischen viel gescholtene Sczymczyk so gedacht haben, als er seine über 160 Teilnehmenden auf sein Thema Weltschmerz eingeschworen hatte?

Natürlich sind auch die Ursprünge der Documenta als exemplarisch politisches Projekt der Nachkriegszeit verortet worden.

Arnold Bode hatte ja im Rahmen der 1. Bundesgartenschau 1955 eine Kunstschau mit Werken der klassischen Moderne gerade deshalb angeregt und durchgeführt, um in Deutschland, das 1000Jährig von der aktuellen Kunstszene abgeschnitten worden war und dann in einem vorsichtigen Nachkriegskonsens lebte, wieder an die fruchtbaren Zeiten des Jahrhundertbeginns zu erinnern, an Aufbruch nämlich! Die Werke von Picasso, Macke, Marc, Delaunay, Monet, Kandinsky und wie die großen klassischen Modernen alle heißen, sollten wieder wach machen, aufrütteln, Spiegel vorhalten. Was spektakulär erfolgreich war, denn Bode referiert die Kunst-Geschichte und ihre Qualität der Zeit, er instrumentalisiert sie nicht, sondern mit ihm haben auch die Nachfolger bis zur D 13 die freie Kunst der Zeit gezeigt. Aber jeder der von einer Kommission berufenen Kuratoren will sein Profil auf irgendeine, meist verrückte Weise schärfen.

 Diesmal also Umweg über Athen. Und Umweg der Krisenbewältigung in unserer heute zutiefst gespaltenen und verletzten Welt mit den Mitteln der Kunst. Die Kunst in ihrer reinen Daseinsform, als l’art pour l’art, an der man trotz Erkenntnisgewinn Vergnügen haben kann und soll, wie es gerade zeitgleich die Biennale in Venedig versucht, findet sich hier mehr als selten. Vielleicht in Hengst Hermes, dem Arravani-Sendpferd aus Athen, das mit seiner Entourage um Ross Birrell auf alten Handels- und Landstreicher-Wegen in 100 Tagen von Athen nach Kassel getrabt ist und dabei Europa grenzüberschreitend durchmessen hat. Hier lassen sich viele schöne Assoziazionen zu Freundschaft und Völkerverständigung finden.

Die geladenen KünstlerInnen aus der ganzen Welt, fast alle auch den Kennern unbekannt, (das macht sie für den Kunstmarkt-Hype uninteressant, ein Erfolg für Szymszyk) stellen überlappend in Athen und Kassel aus, thematisieren vor allem materielle Ausbeutung, Ausgrenzung behinderter oder nicht normativer Menschen, indigene Unterdrückung, Flucht, Vertreibung, Diktatur, Gewalt, Angst, Terror...

In Athen zeigen sich jedoch auch interessante Ansätze im endlich bespielten EMST, dessen eigentliche Sammlung wegen Geldmangel noch nie ausgestellt war und nun im Fridericianum, dem bisherigen Sahnestück jeder Documenta, zu sehen ist. Hier haben wir die l’art pour l’art der 70er bis 90er Jahre; freundlicher Wiedererkennungswert.

In Athen selbst sieht man die Schau skeptisch, als Geschenk an den armen Verwandten gewissermaßen. Profitiert haben die jungen Kunstschaffenden, die Studierenden, die im Gespräch den Informationsgehalt und die Anregungen bei kostenfreiem Zugang zur „Weltkunst“ lobten. Herausragend fand ich Daniel Knorrs Flüchtlings-Müll-Buchprojekt. Hier fand Transfer statt. Auch in Kassel steht mit dem Flüchtlings-Wohnprojekt von Hiwa K. im Röhrensystem auf dem Friedrichsplatz ein gleichwertiges Werk, das durch die fantasievolle Umsetzung von Erfahrung, Historie und menschenwürdiger Pratikabilität zu den Highlights der Ausstellung gehört. Leider hat man den Documenta-Preis nicht geteilt – ich hätte gewünscht, daß Hiwa K. ihn mit Olu Oguibe und seinem Königsplatz beherrschenden Obelisken mit der Botschaft der Bibel „Ich war ein Fremdling und Ihr habt mich beherbergt“ gemeinsam bekommen hätte.

Ansonsten hier wie da die gleichen Künstler, in Kassel abgespeckte Versionen, da die Zeit zu knapp bemessen war. Kunst macht Arbeit.

Ob Maskenrituale der kanadischen Kwakwaka oder Sami Proteste mit Rentierschädeln, Indigo-Pflanzungen und Musikinstrumente aus Flüchtlingsbooten, die Fron-Ölmühle in der Aue als Lustobjekt für Bewegungssüchtige und - allen voran - der beherrschende Parthenon der Bücher – zugegebenermaßen ein tolles Fotomotiv mit dem antikisierenden Giebel des Fridericianums –  alles bringt kollektive europäische Schuldgefühle hervor. In Sack und Asche geht man schon am Königstor, dem einst herrschaftlich geplanten Entrée zur Stadt. Die beiden Torhäuser hat Ibrahim Mahama mit seinen recycelten Jutesäcken der Biennale 2015 verhüllt.

Im Stadtmuseum um die Ecke gibt es eine fröhliche Einladung zur Exekution. Wenn die Performerin in Regina Jos Galindas Installation mal Pause macht, dürfen auch die Besucher ausprobieren, wie es wohl sein könnte, wenn... Und sie betätigen fleißig und mit Spaß den Abzug. Passiert ja nichts... Wo, frage ich mich, fängt eigentlich „Töten“ an?

In der Nordstadt, dem traditionellen Arbeiterviertel der einstigen Henschel-Stadt lockt die alte Verteilerpost als „Neue Neue Galerie“. Das Riesengebäude verlockt zu Riesenschinken, und von Daniel Garcia Andujars Installation „Trojanischer Krieg“, einer großen Arbeit mit antiken Skulpturen aus Pappmasche, eingebunden in Caches, ist nach der rituellen Verbrennung im Stadtpark nur ein Häufchen Asche geblieben.

Lohnend ist die Neue Galerie an der Schönen Aussicht, in der von Maria Eichhorn und ihrem fiktiven Rose Valland Institut Nazi-konfiszierte Kunstaufarbeitung stattfindet. Gleich daneben sind Akropolis-Gemälde des Gurlitt-Urahn Louis (1812-1897) zu sehen, eine geschickte Symbiose. Die Tochter Cornelia, Krankenschwester im 1. Weltkrieg und Selbstmordopfer des Krieges, ist mit Arbeiten vertreten, die auf der Höhe der Zeit waren. Die Gurlitts - eine Familie mit Höhen und Tiefen. Und wir lernen die Transgender-Malerin, Performerin, Designerin und Fotografin Lorenza Böttner (1975-1994) kennen, die in Kassel studierte und als Armamputierte Großartiges geschaffen hat.

Im Schloß Bellevue denkt Olaf Holzapfel über den Zaun nach, eine weit gefächerte Ideenspirale, wo wir gerade dachten, Zäune und Mauern seien überholt.

Und das sinnfälligste Werk wird wohl so nicht mehr erlebbar sein:

In der Apsis des Fridericianums, dem „Allerheiligsten“,stand bis zum Eröffnungstag ein aus camouflagefarbigen Teilen zusammengesetzter Riesenpanzer. In der nachmittäglichen Performance dann mit dem griechischen Künstler Andreas Angelidakis (*1968) machte Menschen aller Altersstufen aus dem Panzer ganz schnell eine Kreis von bequemen Sitzgelegenheiten, um über Krieg und Frieden zu diskutieren, gemäß dem Titel des Werks, „Polemos“, das sowohl „Krieg“ als auch heiße, ernsthafte Diskussion bedeutet. Schade, daß diese Performance unwiederholbar ist.

Aber für aufmerksame Besucher ist so allerhand Positives in Kassel zu entdecken, trotz der generellen berechtigten Unzufriedenheit. Und natürlich wird die Institution Documenta, allen Unkenrufen zum Trotz, weiter leben.